Leiter der Schlussfolgerungen

Gleiche Situationen werden von verschiedenen Personen oft unterschiedlich wahrgenommen. Dieses Risiko wird noch verstärkt, wenn eine Situation wenig Information beinhaltet und damit viel Interpretationsspielraum zulässt. Aus unseren (falschen) Schlussfolgerungen können dann ganz oft Missverständnisse entstehen.

Es ist nicht immer alles so, wie es scheint. Das wissen wir – oder zumindest die meisten von uns. Und trotzdem: Wenn wir eine Situation sehen, und sei es nur ein Bild oder ein flüchtiger Moment, wenn wir vom vorbeifahrenden Auto aus eine Szene beobachten, machen wir uns unsere Gedanken. Und nicht nur das, wir interpretieren und ziehen unsere Schlüsse. Dabei können wir gar nicht wissen, worum es wirklich geht.

Chris Argyris, Professor für Verwaltungswissenschaften an der Yale University und später für Pädagogik und Organisationsverhalten an der Harvard University gilt als Mitbegründer der Organisationsentwicklung und hat die Theorie der „Leiter der Schlussfolgerungen“ entwickelt.

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Demnach gibt es 5 imaginäre Stufen, wie wir auf (flüchtige) Sinneseindrücke reagieren.

Stufe 1: Beobachten:

Unbewusst treffen wir die Entscheidung, welche Information wir als wichtig erachten und damit speichern und welche wir ignorieren.

Stufe 2: Interpretieren:

Das Beobachtete wird interpretiert. Über nicht Sichtbares treffen wir Annahmen, wie es aufgrund unserer Erfahrungen sein könnte.

Stufe 3: Annahme über Beziehungen:

Wir vertiefen unsere Interpretationen und Überlegungen, indem wir die beobachtete Szene in eine Geschichte verpacken. Wir machen uns unsere eigenen Gedanken zur Situation, entwickeln Meinungen, werfen Fragen auf und ziehen daraus unsere Schlüsse. Wir realisieren gar nicht, dass wir unsere eigenen Schlüsse ziehen, da wir über das Denken ja nicht immer nachdenken können. Wie das „Ergebnis“ dieser Stufe aussieht, hängt von unserer politischen Einstellung, unseren allgemeinen Werten und unseren bisherigen Erfahrungen ab.

4. Schlussfolgerungen:

Wir beginnen aus den Beobachtungen und Interpretationen unsere Schlüsse zu ziehen und suchen Lösungen für etwaig auftauchende Fragestellungen. Wir verbinden das Beobachtet mit unserer eigenen Situation.

5. Handlungen:

Mittlerweile haben wir eine eigene Realität gesponnen. Wenn uns unsere Eindrücke stark beeinflusst haben, setzen wir Handlungen auf Basis dieser Realität.


Schlussfolgerungen und Interpretationen bestimmen unser Leben!


Ein praktisches Beispiel

Legen wir nun diese Leiter der Schlussfolgerungen auf ein praktisches Beispiel um. Als mögliche Szenerie gilt dieses Foto:

Leiter der Schlussfolgerungen

Stufe 1: Beobachten:

Wir sehen zwei Frauen und einen Mann, die auf einer Bank sitzen. Vielleicht fällt uns auch noch auf, dass sie anscheinend hinter Glas sitzen, also könnte es sich um ein Buswarte-Häuschen handeln.

Stufe 2: Interpretieren:

Die drei Personen sind offensichtlich alle der Straße zugewandt, führen also kein angeregtes Gespräch. Möglicherweise beobachten Sie etwas. Vielleicht sitzen sie nur zufällig nebeneinander, vielleicht gehören sie aber auch zusammen.

Stufe 3: Annahme über Beziehungen:

Man könnte zu dem Schluss kommen, es handelt sich um eine Familie auf einem Aus-flug. Vielleicht Ehemann, Ehefrau und ihre Schwester. Sie haben sich nichts zu sagen oder beobachten nur den Verkehr. Natürlich kann es auch sein, dass sich die drei Personen nicht kennen, aber gleich darüber ins Gespräch kommen werden, was es dort auf der Straße so Interessantes zu sehen gibt, oder einfach nur übers Wetter reden oder darüber, dass der Bus mal wieder nicht kommt. Hier sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt.

Fühlen, Denken, Handeln: Wie das Gehirn unser Verhalten steuert (suhrkamp taschenbuch wissenschaft)
  • Gerhard Roth
  • Herausgeber: Suhrkamp Verlag
  • Auflage Nr. 5 (24.11.2003)
  • Taschenbuch: 608 Seiten

4. Schlussfolgerungen:

Bei unserem Foto könnte eine Schlussfolgerung sein, dass die drei Personen diese Si-tuation nicht mehr lange aushalten und sich zumindest eine aufstehen und vielleicht woanders warten wird. Ein weiterer Schluss könnte sein, dass man froh ist, nicht in dieser Situation zu sein, oder dass man jetzt auch gern mit einem Bus nach hause, jemanden besuchen, etc. fahren möchte.

5. Handlungen:

Vielleicht denken wir darüber nach, dass wir auch mal wieder Urlaub nötig hätten und einmal wieder von zu hause weg wollen oder buchen gleich einen Wochenendausflug. Oder wir denken das nächste mal, wenn wir auf einen Bus warten müssen, daran, ein Buch mitzunehmen, um die Langeweile zu vertreiben.


Sie sehen also, dass wir eigentlich gar nichts oder zumindest nicht viel über die Personen auf dem Foto wissen und trotzdem schaffen wir es, Schlussfolgerungen zu treffen. Diese Schlussfolgerungen treffen wir aber nicht nur bewusst, sondern tagtäglich bei jeglicher Situation, die uns begegnet.

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Durch unsere Werte, Einstellungen und Erfahrungen ziehen wir Schlüsse und setzen Handlungen, die wiederum unsere Werte, Einstellungen und Erfahrungen bilden. Durch diesen Kreislauf schafft sich jeder Mensch mehr oder weniger seine eigene Realität und formt seine selektive Wahrnehmung. Wir sind in diesem Muster „gefangen“, alternativ zu denken und handeln fällt uns schwer.

Dagegen kann man nichts tun, man sollte sich dessen nur bewusst sein. Wenn das nächste Mal eine Meinungsverschiedenheit auftaucht sollte man vielleicht auch einmal versuchen, die Ansicht zu wechseln und für die Interpretationen und Schlüsse des Gegenübers hellhörig zu sein.


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Literaturhinweise