Projekte scheitern lassen – aber richtig (Satire)

Eines ist klar: Projekte souverän scheitern zu lassen, ist gar nicht so trivial und man muss einiges an Wissen und Erfahrungsschatz mitbringen. Ab sofort gehören auch Sie zu den Eingeweihten! Wenn Sie nur einige dieser Tipps konsequent anwenden, ist gewährleistet, dass Ihre Projekte zielsicher in den Abgrund fahren – garantiert!

Alle Ähnlichkeiten mit Erfahrungen aus tatsächlich gescheiterten Projekten sind rein zufällig und grundsätzlich unmöglich.


Projektleiter

Der beste Fachspezialist wird  Projektleiter

Suchen Sie sich einen Projektleiter, der sachlich möglichst viel von der Materie versteht und machen Sie ihm klar, dass Sie von ihm erwarten, dass er sich auch um die kleinsten Details selbst kümmert und dafür verantwortlich ist. Dadurch stellen Sie sicher, dass er sich voll und ganz auf die inhaltliche Arbeit konzentriert, statt sich mit unnötigen Dingen wie operativem Management herumzuschlagen. Außerdem hat er so weniger Zeit, sich um die Projektverwaltungsaufgaben, wie z.B.: Planung und Controlling, zu kümmern, was Ihr Projekt zu hundert Prozent ins Chaos stürzen lässt.

Anzeige

Projektleitung anstatt einer Beförderung

Übertragen Sie das Projekt an einen Projektleiter, der ohnehin schon lange auf eine Beförderung wartet, der aber Ihrer Meinung nach nicht für die Leitung einer Abteilung geeignet ist. Er wird es Ihnen mit viel Einsatz danken und das Projekt zügig vorantreiben (obwohl er keine Ahnung davon hat, was er eigentlich tun soll). Und außerdem: Projektmanagement hat ja mit dem klassischem Management nicht wirklich viel zu tun. Sonst würde es ja nicht so viele Projektleiter geben.


Projektteam

Ein möglichst großes Projektteam zusammenstellen

Versuchen Sie das Projektteam möglichst groß zusammenzustellen und sorgen Sie dafür, dass es personell inhomogen ist. Dadurch stellen Sie sicher, dass es genügend Meinungsverschiedenheiten im Projektteam gibt. Langwierige Grundsatzdiskussionen sind damit sichergestellt. Stellen Sie sich vor, wie das wäre, wenn alle an einem Strang ziehen würden – und das dann vielleicht in die falsche Richtung. Nicht auszudenken! Dann sich doch lieber gar nicht von der Stelle bewegen.

Das Projektteam mit Mitarbeitern besetzen, die am meisten Zeit haben

Nehmen Sie Mitarbeiter in das Projektteam auf, die im Tagesgeschäft unbrauchbar sind. Oft liegt diese Unfähigkeit ja nur daran, dass die Mitarbeiter falsch eingesetzt sind. In Ihrem Projekt haben diese Menschen die Chance zu beweisen, was in ihnen steckt. Unter Umständen nutzen sie diese Chance sogar! Außerdem sind sie meistens frei und können sofort eingesetzt werden. Versuchen Sie nicht die besten Experten zu finden! Dadurch verlieren Sie nur unnötig Zeit! Und diese Experten sind sowieso meist mit Arbeit eingedeckt und haben zu wenig Zeit für Ihr Projekt. Keine Sorge, der Projektleiter wird sich mit den unfähigen Leuten schon herumschlagen.

Keine Rücksicht auf persönliche Befindlichkeiten nehmen

Stecken Sie Mitarbeiter in das Projektteam, von denen Sie wissen, dass sie nicht miteinander können. Das schafft gleich von Beginn an die Notwendigkeit, die vorhandenen Energien rein auf die Sachebene zu richten. Emotionen werden so aus Ihrem Projekt heraus gehalten. Falls doch einmal Streit im Team ausbricht, delegieren Sie die Angelegenheit einfach an den Projektleiter. Genau dafür haben Sie ihm ja diese Aufgabe übertragen. Und mit solchen Dingen wird er doch wohl alleine zurechtkommen! Wenn die Situation trotzdem zu eskalieren droht (was doch immer wieder mal in den besten Teams vorkommt), kann man ja einen Mediator einsetzen oder einfach die Leute austauschen und von vorne beginnen.


Vor dem Projekt

Möglichst viele unterschiedliche PM-Standards und PM-Methoden einsetzen

Lassen Sie Ihre Projektleiter und Projektmitarbeiter bei unterschiedlichen Trainingsinstituten ausbilden. Das sorgt für Meinungsvielfalt und stellt sicher, dass Ihre Mitarbeiter alle gängigen Projektmanagementstandards und -methoden kennen lernen. Wenn Sie sich darauf einlassen die PM-Ausbildung nur nach einem PM-Standard durchzuführen, riskieren Sie, auf das falsche Pferd zu setzen. Es gibt viele interessante PM-Methoden. Motivieren Sie Ihre Mitarbeiter, alle erlernten Methoden konsequent anzuwenden. Das motiviert sie und stellt sicher, dass das Erlernte sich auch nachhaltig verankert. Die ewigen Streitereien, welche Methode von welchem Institut nun die geeignete ist, soll der Projektleiter regeln. Und falls der es auch nicht weiß, haben Sie ohnehin den Falschen engagiert.

Die Projektziele flexibel und interpretierbar lassen

Legen Sie die Projektziele auf keinen Fall eindeutig fest. Reden Sie viel darüber, erklären Sie Ihre Vorstellungen in allen Nuancen, schildern Sie Ihre Vision, aber lassen Sie sich nicht schriftlich festnageln. Immerhin brauchen Sie auch noch etwas Spielraum um auf die Dynamik, die solche Projekte haben, sofort reagieren zu können. Flexibilität ist das Zauberwort! Wenn der Projektleiter stur ist und Sie sich irgendwann festlegen müssen, dann können Sie diese Ziele immer noch nachträglich verändern. Dadurch geben Sie dem Projektleiter gleichzeitig die Chance zu beweisen, dass er mit der Dynamik, die solche Projekte haben, auch umgehen kann. Und so bringen Sie nicht nur den Projektleiter, sondern das gesamte Team über kurz oder lang auf die Palme.

Nicht zu viel Zeit für die Projektplanung verschwenden

Verschwenden Sie auch nicht zuviel Zeit mit umfangreichen Projektplanungsarbeiten. Diese Pläne halten sowieso nie. Oder kennen Sie ein Projekt, das so abgewickelt wurde wie es zu Beginn geplant war? Nein? Eben! Also warum Zeit in sinnlose „Projektverwaltung“ investieren. Viel wichtiger ist es, dass alle Projektmitarbeiter sofort zu arbeiten beginnen. Da kann man Zeit gewinnen. Durch die flache Struktur im Projekt erfolgt ja sowieso eine laufende Abstimmung untereinander. Und wenn keiner einen Plan hat, ist die Arbeit garantiert unstrukturiert genug.


Projekt-Controlling

Freiraum für das Projektteam

Lassen Sie dem Projektteam viel Freiheit, kurz: kümmern Sie sich möglichst nicht um das Projekt. Sonst fühlen sich die meisten Mitarbeiter nur unnötig eingeschränkt und kontrolliert. Der Projektleiter braucht Freiraum bei seinen Entscheidungen. Wenn er Unterstützung benötigt, wird er sich schon melden. Und selbst dann sollten Sie sich nicht zu viel einmischen. Am Schluss wirft man Ihnen sonst noch vor, dass Sie Schuld sind, wenn etwas schief läuft. Und nicht vergessen: Je mehr Zeit Sie sich mit Ihren Entscheidungen lassen und je öfter Sie diese revidieren, desto schneller steigt die Frustration im Projektteam, was sich äußerst negativ auf die Ergebnisqualität auswirkt.

Statusberichte überraschend und unregelmäßig einfordern

Fordern Sie Ihre Berichte überraschend und zu den unterschiedlichsten Zeitpunkten ein. Variieren Sie dabei die Berichtsobjekte und -inhalte. Hinterfragen Sie Grundsatzentscheidungen im Projekt immer penibel (Warum wurde diese Option nicht geprüft? Wer hat das entschieden? etc.). Das schafft beim Projektteam das Bewusstsein, dass man Ihnen nicht so leicht etwas vorgaukeln kann (und mit der Zeit wird man Sie so richtig schön hassen).
Eine gute Taktik ist es auch, Statusberichte direkt von den Projektmitarbeitern einzuholen, nach dem Motto: jetzt möchte ich es einmal aus erster Hand wissen! Das baut Vertrauen zwischen Ihnen und den Projektmitarbeitern auf und entlastet den Projektleiter. Der hat sowieso meistens zu wenig Zeit für solche administrativen Arbeiten. Und wenn er wissen will, was in seinem Projekt so vorgeht, soll er gefälligst sein Team fragen.

Bei Terminverzögerungen ruhig bleiben

Seien Sie auch nicht zu streng, wenn zugesagte Ergebnisse nicht pünktlich da sind. Genau so sind eben Projekte. Glauben Sie Ihrem Projektleier, wenn er Ihnen sagt, dass dieser Terminverzug locker wieder eingeholt wird („das haben wir gleich“), wenn man die Leute nur in Ruhe weiter daran arbeiten lässt. Wer soll es denn sonst wissen, wenn nicht er. Wenn man das alles so genau planen könnte, dann hätte man ja kein Projekt aufsetzen müssen. Das böse Erwachen, dass man den Endtermin meilenweit verfehlt hat, kommt dann schon noch früh genug. Warum sich vorher schon damit auseinandersetzen?

Und wenn die Projektstatusberichte, die Sie ab und zu erhalten, nicht so ganz mit dem Projektfortschritt übereinstimmen, dann denken Sie daran: die Leute haben schließlich Wichtigeres zu tun, als dauernd diese Formulare auszufüllen. Da schleichen sich dann schon ein paar Fehler ein. Wo gehobelt wird, da fallen Späne. Und außerdem, wenn Sie sich jetzt einmischen, dann wird das Projekt auch nicht früher fertig. Also: auch in diesen Situationen ruhig bleiben. Das beweist nur Ihre Managementfähigkeiten.

Das Projektbudget überraschen kürzen

Kürzen Sie überraschend das Projektbudget. Das sorgt dafür, dass das Projektteam sich bemühen wird, sparsam und ressourcen-schonend zu agieren. Hören Sie nicht auf die Jammerei Ihres Projektleiters, dass er mehr Budget braucht. Das ist natürlich immer die bequemste Art, sich das Leben leicht zu machen. Wenn er gar nicht locker lässt, sagen Sie ihm, dass Sie großzügigerweise damit einverstanden sind, dass das Projekt ein paar Monate länger dauert.

Anzeige

Die zukünftigen Anwender von IT-Systeme nicht zu viel einbinden

Bei IT-Projekten: stellen Sie sicher, dass die Anwender sich nicht zu viel in die Konzeption eines neuen Systems einmischen können. Am besten man bindet Sie gar nicht ein, dafür hat man ja IT-Spezialisten. Die sollten doch am besten wissen, was die Anwender brauchen und vor allem, was technisch machbar ist. Sorgen Sie zumindest dafür, dass die Spezifikationsphase eines neuen IT-Systems ohne Einmischung durch die Anwender durchgeführt werden kann. Bei den anschließend notwendigen Tests werden sie dann ja sowieso sehen, wie das System aussieht und können Feedback geben. Damit stellen Sie sicher, dass Sie spätestens in der Testphase so gut wie von vorne anfangen können.

Angebot
Grandios gescheitert: Misslungene Projekte der Menschheitsgeschichte
  • Bernd Ingmar Gutberlet
  • Herausgeber: Lübbe
  • Auflage Nr. 1 (16.03.2012)
  • Gebundene Ausgabe: 333 Seiten


Projekt-Kommunikation

Nicht zu viele Abstimmungsmeetings

Fordern Sie vom Projektleiter, dass er dafür sorgt, dass es nicht zu viele Abstimmungsmeetings gibt. Das kostet Zeit und verschwendet wertvolle Ressourcen. Die Leute sollen sich schließlich auf die inhaltliche Arbeit konzentrieren können und nicht den ganzen Tag meeten. Wozu muss auch Herr Meier wissen, woran Frau Müller gerade arbeitet? Da könnte man sich ja dann glatt aufeinander abstimmen und Doppelarbeit vermeiden. Es genügt vollkommen, wenn der Projektleiter den Überblick hat. Das ist schließlich sein Job. Wenn Abstimmungen notwendig sind, dann sollen die Leute mit ihm reden. Er macht das dann schon.

Die Kommunikation per E-Mail fördern

Oder noch besser: Anstatt endlose Meetings abzuhalten, fördern Sie die Kommunikation mittels E-Mail – DAS Medium schlechthin in der neumodernen Zeit! Stellen Sie klar, dass Sie über Probleme bzw. anfallende Entscheidungen immer mittels E-Mail informiert werden wollen. Dadurch können Sie diese Dinge gleich elegant weiterdelegieren bzw. einem breiten Personenkreis zur (E-Mail)Diskussion stellen. Dadurch ist eine hohe Problemlösungskompetenz gegeben und alle Mitarbeiter fühlen sich eingebunden.

Weiterer Vorteil: unabhängig von Zeit und Raum kann man an diesen Diskussionen partizipieren. Oft kann man Leerzeiten (z.B. langweilige Meetings) nutzen, um diese E-Mails zu lesen und zu bearbeiten. Und unerwünschte E-Mails kann man unkompliziert per Mausklick und ohne dass jemand etwas merkt im Papierkorb verschwinden lassen. Falls doch jemand nachfragt, kann man immer noch sagen, dass man es nie bekommen hat (immer diese Probleme mit der Technik!).

Möglichst wenig Information über das Projekt nach draußen dringen lassen

Sorgen Sie dafür, dass möglichst wenige Informationen über das Projekt nach außen dringen. Das sorgt für Ruhe im Projektteam und die Mitarbeiter können sich auf ihre Arbeit konzentrieren. Wenn das Projekt abgeschlossen ist, werden alle anderen in der Firma noch früh genug davon erfahren. Wie sollen Außenstehende auch einschätzen können, dass die Probleme, die es im Projekt gerade gibt, gar nicht so schlimm sind und keine Auswirkungen auf den Einsatztermin haben? Also am besten: allen einen Maulkorb verpassen. Warum glauben Sie, werden so viele Projekte im Geheimen abgewickelt. Eben, genau deshalb! Die bösartigen Gerüchte, die durch Teilinformationen entstehen, sind doch wirklich nicht der Rede wert…


Zu guter Letzt – alle Projekte sind gleich wichtig

Vermeiden Sie, Ihre Projekte unterschiedlich zu priorisieren. Alles muss mit gleich hoher Priorität bearbeitet werden. Warum hätten Sie sonst ein Projekt daraus gemacht, wenn es nicht wichtig wäre. Machen Sie Ihren Mitarbeitern klar, dass sie sich besser organisieren müssen, wenn sie damit nicht umgehen können. Das kann ja nicht so schwierig sein, an fünf Projekten gleichzeitig zu arbeiten. Alles nur eine Frage der Selbstorganisation! Und so gelingt es Ihnen auch, alle Projekte gleichzeitig ins Chaos zu stürzen.


Tipps und Tricks mit Chaos-Garantie im Projekt

  • Fordern Sie vom Projektleiter hauptsächlich inhaltliche Arbeit.
  • Achten Sie darauf, dass das Projektteam möglichst groß ist.
  • Engagieren Sie keine Experten.
  • Lassen Sie Ihre Mitarbeiter an unterschiedlichen PM-Instituten ausbilden.
  • Sorgen Sie dafür, dass immer alle PM-Methoden angewendet werden, egal um welches Projekt es sich handelt.
  • Ändern Sie möglichst oft die Projektziele.
  • Lassen Sie sich nicht schriftlich festnageln (weder über Projektaufträge noch diverse Projektpläne).
  • Kürzen Sie überraschend das Budget.
  • Lassen Sie sich viel Zeit mit Ihren Entscheidungen.
  • Fordern Sie überraschend Berichte ein und das nicht nur vom Projektleiter.
  • Nehmen Sie verschönerte Statusberichte und versäumte Meilensteine locker.
  • Kommunizieren Sie nur über E-Mail und fordern Sie auch Ihr Team auf, das zu tun.
  • Lassen Sie keine Informationen über das Projekt nach außen sickern.
  • Jede wichtige Aufgabe ist ein Projekt!
  • Alle Projekte sind gleich wichtig!

Anzeige

Literaturhinweise