Blockaden im Problemlösungsprozess

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Wir alle besitzen einen reichen Erfahrungsschatz im Lösen aller möglichen Probleme. Wir kennen Mittel und Wege, wie wir mit Situationen umgehen, in denen wir ein bestimmtes Ziel auf den ersten Blick nicht zu erreichen wissen. Wir nutzen unser Denken, unseren Einfallsreichtum, unsere Intuition und versuchen Wege zu finden um die Blockade, die uns vom Erreichen unseres Zieles abhält, zu überwinden.

Manchmal stoßen wir dabei aber auf Probleme, bei denen unser Methodenschatz nicht auszureichen scheint, wir versuchen alles Mögliche aber wir kommen nicht weiter – wir sind mit unserem Latein am Ende, wir stecken in einer Sackgasse. In solchen Fällen suchen wir oft Hilfe „von außen“. Ganze Bibliotheken von Ratgebern und ein reiches Angebot von „Helfern“ – Experten, Berater, Therapeuten – stehen zur Verfügung um neue Ansätze zu Lösungen aufzuzeigen oder uns dabei zu unterstützen, unsere Blockaden zu überwinden und für uns selbst neue Wege zu finden. Ich möchte hier einen kurzen Überblick über die Möglichkeiten geben, unsere persönliche Problemlösungskompetenz zu erweitern. Dabei sind mehrere Aspekte zu berücksichtigen:

  • Die verschiedenen Problemtypen
  • Die Art unseres Denkens und die daraus entstehenden Blockaden
  • Die verschiedenen Lösungsansätze und Methoden

PROBLEMTYPEN

Eine Unterscheidung verschiedener Arten von Problemen ist deshalb sinnvoll, weil davon die Problemlösungsstrategie und die zu wählenden Methoden abhängen. Eine Unterscheidung von Problemen ist etwa in Hinblick auf die Klarheit der Zielkriterien möglich: Bei manchen Problemen ist der angestrebte Sollzustand – das Ziel – sehr klar definiert, bei anderen jedoch keineswegs, das heißt, man ist zwar mit dem Ist-Zustand unzufrieden, hat aber kein klares Bild des zu erreichenden Soll-Zustandes.

Ein weiteres Kriterium zur Unterscheidung verschiedener Problemtypen ist das Wissen über die Mittel, mit denen der Soll-Zustand zu erreichen ist – manchmal kennt man sie genau, etwa weil sie vorgegeben sind, manchmal besteht die Lösung des Problems gerade darin die geeigneten – noch unbekannten – Mittel zu finden. Daraus ergibt sich folgende Unterscheidung von Problemtypen.

Interpolationsprobleme

Bei diesen Problemen ist das zu erreichende Ziel klar und auch die Mittel um das Problem zu lösen sind bekannt. Die Schwierigkeit liegt in der Reihenfolge der Anwendung oder der Kombination dieser Mittel.

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Als typisches Beispiel folgende kleine Aufgabe:

Eine vierköpfige Familie muss auf einer Wanderung eine gefährliche, brüchige Hängebrücke überqueren. Leider ist es sehr spät geworden und nun ist es bereits stockdunkel. So kann die Hängebrücke nur mit einer Taschenlampe betreten werden. Die Taschenlampe, die die Familie dabei hat, brennt nur 60 Minuten. Da die Hängebrücke sehr baufällig ist, darf sie von maximal 2 Personen zugleich betreten werden. Nun weiß die Familie von früheren Überquerungen, dass der Vater genau 25 Minuten braucht um die Brücke zu überqueren, die Mutter 20 Minuten, die Tochter 10 Minuten und der Sohn 5 Minuten. Wenn 2 Personen gleichzeitig auf der Brücke sind, bestimmt die langsamere das Tempo. Ein gegenseitiges Tragen ist aus Sicherheitsgründen nicht möglich. Wie kann die Familie unter diesen Vorgaben die Brücke innerhalb von 60 Minuten (Brenndauer der Taschenlampe) überqueren? Hier sind die Ausgangslage und das Ziel klar definiert. Auch die Mittel zur Erreichung des Zieles sind klar vorgegeben. (Hinweis, falls Sie das Problem zu lösen versuchen – es ist tatsächlich lösbar!)

Dennoch können beim Lösungsversuch, der hier im Finden der richtigen Kombination und Reihenfolge besteht, erhebliche Schwierigkeiten auftreten. Diese haben mit so genannten Denkblockaden zu tun, denen wir uns etwas später zuwenden wollen. In der Arbeitswelt finden wir Interpolationsprobleme zum Beispiel in der Logistik, bei der Prozessoptimierung, in Reengineering Projekten etc.

Syntheseprobleme

Wenn Anfangs- und Endzustand bekannt sind, nicht aber die Mittel um diesen Endzustand zu erreichen, sprechen wir von Syntheseproblemen.
Als Beispiel könnten Sie überlegen, wie sie nur mit den Mitteln die sie jetzt an ihrem Arbeitsplatz vorfinden, das Gewicht einer 1€-Münze ermitteln können. Also eine klare Aufgabenstellung, aber mit welchen Mitteln ist das Ziel zu erreichen? Sollten Sie zufällig eine Briefwaage auf dem Schreibtisch haben, dann haben Sie überhaupt kein Problem. Wenn Sie den Begriff „ermitteln“ großzügig auslegen und ihr Telefon benützen oder im Internet recherchieren, dann ist das Problem ebenfalls schnell gelöst.

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Sagen wir aber statt „ermitteln“ „messen“, dann beginnt die Suche nach geeigneten Mitteln um diese Messung durchzuführen. Vermutlich werden Sie nach irgendeinem Vergleichsmaß (schade, dass Sie die Schokolade schon aufgegessen haben!) suchen und nach Möglichkeiten eine Waage zu bauen. Auch hier können einige Denkblockaden auftreten, denen wir uns später zuwenden. Syntheseprobleme im beruflichen Umfeld sind zum Beispiel technische Probleme bei denen eine gewünschte Funktionalität vorgegeben ist aber die Möglichkeiten sie zu realisieren noch nicht bekannt sind, oder auch ganz konkrete Vorhaben, bei denen wir noch keine Möglichkeit gefunden haben, sie zu realisieren.

Dialektische Probleme

Bei diesen Problemen ist der genaue Zielzustand nicht bekannt und damit meist auch nicht die Mittel ihn zu erreichen. Betriebliche Probleme sind häufig dialektischer Art, vor allem wenn es um die Verbesserung eines unbefriedigenden Ist-Zustandes geht, der Soll-Zustand aber nicht exakt beschrieben werden kann (oder soll). Dialektische Probleme erfordern besondere Lösungsstrategien, indem ein Lösungsentwurf entwickelt und versucht wird diesen schrittweise zu konkretisieren und zu realisieren. Vorhaben wie die Verbesserung der Kommunikation in einer Abteilung oder etwa die Steigerung der Kundenzufriedenheit stellen solche dialektische Probleme dar.

BLOCKADEN IM LÖSUNGSPROZESS

Beim Versuch Probleme zu lösen begegnen wir einer Vielzahl unterschiedlichster Hindernisse. Neben vielen beschränkenden Bedingungen (z.B. beschränkte Ressourcen) stehen uns oft Denkblockaden im Wege, die mit unserer Wahrnehmung und unseren Denkmustern zu tun haben. Diese Blockaden sind uns meist nicht bewusst, behindern uns aber oft sehr nachhaltig. Dabei können wir einige Gruppen von Denkblockaden unterscheiden.

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Wahrnehmungsblockaden

Sie haben das Hängebrückenproblem gelöst? Wenn nicht, dann hat sie vermutlich eine typische Wahrnehmungsblockade behindert, wenn sie nämlich analytisch scharfsinnig festgestellt haben, dass immer der Schnellste die Lampe zurückbringen muss und folglich der Sohn (5 Minuten) alle anderen über die Brücke begleiten muss. Wenn sie so gedacht haben sind sie wahrscheinlich immer auf 65 Minuten gekommen. Vielleicht haben sie daher geschlossen, dass das Problem gar nicht lösbar ist.

Aber wenn sie sich von dieser Vorannahme lösen und einmal überlegen wie sie etwa in einem Projekt möglichst viel Zeit einsparen können, dann werden sie sicher vorschlagen, Vorgänge zu parallelisieren. Wie sparen sie dabei möglichst viel Zeit? Wenn sie kurze Vorgänge parallelisieren oder lange? Also was sind die längsten Vorgänge in dem Beispiel? Mutter (20 Min) und Vater (25 Min). Also, wie wäre es, wenn die beiden gemeinsam über die Brücke gehen? Ja aber wie kommt dann die Lampe zurück? Da muss also vorher schon wer anderer die Brücke überquert haben!

Also:

1. Schritt: Tochter und Sohn (10 Minuten)
2. Schritt: Tochter zurück (20 Minuten)
3. Schritt: Vater und Mutter (45 Minuten)
4. Schritt: Sohn zurück (50 Minuten)
5. Schritt: Tochter und Sohn (60 Minuten)

Bei diesem Problem blockiert eine einmal getroffene Annahme (der Schnellste muss immer hin und her laufen) den Lösungsprozess, so dass mögliche andere Varianten ausgeblendet werden. Beim Problem der 1€-Münze tritt ein anderes Wahrnehmungsproblem auf. Wir nehmen manches nicht mehr bewusst wahr, obwohl wir es täglich mehrmals sehen oder hören, jedenfalls oft genug wahrgenommen haben um es eigentlich aus unserem Gedächtnis abrufen zu können.

Von welchen Gegenständen an ihrem Arbeitsplatz wissen Sie das exakte Gewicht? Liegt auf Ihrem Schreibtisch irgendein Blatt Kopierpapier? Verwenden Sie – wie üblich – 80 Gramm-Papier? Worauf bezieht sich diese 80 Gramm Angabe? Auf einen Quadratmeter. Das steht auf jeder Papierpackung – haben Sie sicher schon oft gesehen – nur nicht bewusst wahrgenommen.

Nun müssen Sie nur mehr eine Waage bauen und ausrechnen wie schwer ein A4-Blatt ist etc. Nach mehreren Versuchen und Optimierungen (z.B. mehrere Münzen wiegen) könnten Sie dem Ergebnis (7 Gramm) ziemlich nahe kommen. Die Wahrnehmungsblockade, die hier auftrat, nennt man „Sättigung“. Diese tritt bei allen Sinnesorganen auf, weil wir nicht alle Informationen speichern, die wir wahrnehmen und besonders oft wiederkehrende, aber in der jeweiligen Situation nicht wichtige Informationen ausblenden und nicht mehr abrufbar zur Verfügung haben. (Versuchen Sie doch einmal die Kühlerhaube ihres Autos zu zeichnen!)

Emotionale Blockaden

Wenn es darum geht, neue Ideen zu entwickeln, was besonders bei dialektischen Problemen (keine bekannte Lösungsmethoden) der Fall ist, dann treten häufig so genannte Kreativitätsblockaden auf. Nehmen Sie einen leeren Zettel und einen Stift und versuchen Sie in genau einer Minute möglichst viele Verwendungsmöglichkeiten zum Beispiel für eine Büroklammer zu finden. Versuchen Sie es jetzt! Eine Minute lang.

Wie viele Verwendungsmöglichkeiten haben Sie gefunden? Die Fähigkeit, die hier gefragt ist, nennt man auch „laterales“ Denken oder Querdenken. Wenn Sie bis zu 5 Ideen gefunden haben, dann haben Sie auf diesem Gebiet noch erhebliches Entwicklungspotential. von 6 bis 10 ist durch etwas Übung noch einige Verbesserung möglich, jenseits von 10 Ideen sind Sie schon ein versierter Querdenker, Experten schaffen 16 und mehr Ideen.

Gibt es tatsächlich so viele Möglichkeiten? Zum Beispiel: kratzen, stechen, schreiben, lochen, umrühren, bohren, nageln, verbinden, schneiden, ausputzen, gravieren, öffnen, verschließen, unterlegen, kurzschließen, aufspießen, essen,…  Sind einige der Ideen zu verrückt? Man kann doch nicht mit einer Büroklammer essen? Könnte man nicht kleine Häppchen damit aufspießen? Wie mit Zahnstochern?  Die Fähigkeit neue Ideen zu entwickeln und zu äußern wird oft durch emotionale Blockaden behindert. Dazu gehören:

  • Angst vor Blamage
  • Frühzeitige Bewertung von Ideen (richtig, falsch, sinnvoll, unsinnig,….)
  • Angst etwas Falsches zu sagen
  • Scheu vor spielerischer Phantasie (kindisch sein)
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  • Herausgeber: Springer
  • Auflage Nr. 5 (01.03.1998)
  • Taschenbuch: 269 Seiten

Kulturelle Blockaden

Diese betreffen nicht nur verschiedene Nationen, sie treten auch in kleineren sozialen Einheiten wie Organisationen, Firmen oder sogar einzelnen Abteilungen auf. dazu gehören etwa:

  • Tabus
  • Abwertung von Phantasie und Kreativität (unproduktive Spinnerei)
  • Probleme zu lösen ist eine ernste Angelegenheit (Wer lacht, macht sich lustig)
  • Hoher Status von Vernunft, Logik, Nützlichkeit bei gleichzeitiger Abwertung vonIntuition, Gefühl und Spaß
  • Mangelndes Vertrauen, Kooperation, Unterstützung

Intellektuelle Blockaden

Diese Blockaden zeigen sich in der Wahl ungeeigneter Mittel (mentaler Werkzeuge) oder Taktiken oder auch schlicht als mangelndes Wissen.

  • Verwendung ungeeigneter Lösungssprache
  • Inflexibler, ineffizienter Einsatz von intellektuellen Problemlösungsstrategien
  • Mangelnde oder fehlerhafte Information
  • Unvermögen Ideen auszudrücken

Manchmal ist unser Denken so fixiert auf eine bestimmte Vorgehensweise, dass wir andere, zielführendere Methoden vernachlässigen. Man bezeichnet dies auch als Wahl einer ungeeigneten Lösungssprache, etwa wenn man ein Problem verbal oder mathematisch zu lösen versucht, obwohl es visuell viel leichter zu lösen wäre.

Dazu folgendes Beispiel:
Ein tibetischer Mönch verlässt um 6 Uhr morgens ein Kloster und geht – das Tempo dem teils  steilen, teils flacheren Weg anpassend – auf einen Berggipfel. Dort kommt er um 6 Uhr abends an, meditiert und übernachtet auf dem Gipfel. Am Morgen des nächsten Tages bricht er um 6 Uhr früh auf und kehrt auf dem gleichen Weg – etwas schneller als beim Aufstieg – zu seinem Kloster zurück.

Frage: Gibt es entlang dieses Weges irgendeine Stelle, die der Mönch an beiden Tagen zur exakt gleichen Uhrzeit passiert? Hier hilft die Wahl einer geeigneten Problemlösungssprache ganz entscheidend, abgesehen von diversen emotionalen Blockaden, die solche Probleme bei manchen Menschen auslösen. Welche Sprache eignet sich hier? Natürlich kann man das Problem mathematisch angehen, das ist aber für nicht Geübte schwierig. Rein verbal kommt man auch kaum weiter. Eine visuelle Lösung könnte so aussehen:

 

Problemlösung, Mönch, BergAus diesem Bild wird klar erkennbar, dass um ca. 10 Uhr 30 eine Stelle existiert, die an beiden Tagen zur gleichen Zeit passiert wird.
Noch viel einfacher lässt sich das Problem lösen, wenn man statt einem Mönch zwei Mönche annimmt, die beide um 6 Uhr weggehen, der eine vom Kloster, der andere vom Gipfel. Dann ist es klar, dass die beiden sich an irgendeiner Stelle begegnen müssen, egal wie schnell sie jeweils gehen.
Wenn wir also eine geeignete Problemlösungssprache wählen, dann sind Lösungen manchmal relativ einfach zu finden, während eine unglückliche Wahl die Lösung fast unmöglich macht.

BLOCKADEN ÜBERWINDEN

Schon das Erkennen von Blockaden ist ein erster wichtiger Schritt zu deren Überwindung. Daher ist es sehr empfehlenswert, sich seiner persönlichen Denkweisen immer wieder bewusst zu werden und Stärken und Schwächen zu kennen. Damit vermeidet man, vertraute und persönlich bevorzugte Methoden auch auf Probleme anzuwenden, für die andere Lösungswege vorteilhafter wären, die einem aber vielleicht weniger geläufig sind.
Zudem gibt es aber auch eine Vielzahl von Methoden, die beim Überwinden von Lösungsblockaden hilfreich sein können. Dabei kann man unterscheiden:

  • Methoden zu Informationssammlung und Analyse
  • Visualisierungsmethoden
  • Kreativitätsmethoden
  • Systemische Problemlösungsmethoden
  • Bewertungs- und Auswahlmethoden

Zu all diesen Methoden gibt es eine schier unübersehbare Flut von Literatur. Einige ausgewählte, empfehlenswerte Titel finden sie am Ende dieses Artikels.

Die Entwicklung der persönlichen Problemlösungskompetenz erfordert nicht nur die Kenntnis entsprechender Methoden sondern vor allem die Bereitschaft eigene Gewohnheiten und Vorlieben zu „verlernen“ und neue Wege zu beschreiten. Der vorwiegend rational analytisch Denkende wird dazu vielleicht Wege finden, seine kreative, intuitive Kompetenz zu erweitern, kreativ Begabte werden eher durch das Üben mehr strukturierter, analytischer Methoden profitieren.

Unser Alltag bietet uns jedenfalls ein weites Übungsfeld, um immer wieder einmal etwas „Anderes“ zu versuchen, andere Sichtweisen auszuprobieren und uns auf Situationen einzulassen, die vielleicht ungewohnt sind und daher Unbehagen auslösen. Je öfter wir solche Versuche wagen und dabei auch bereit sind aus den vielen möglichen Irrwegen und Fehlern zu lernen, desto eher werden wir unser Spektrum der Wahrnehmung vergrößern und das Repertoire unserer Lösungswege erweitern.

Literaturhinweise

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