Dialog als Modell zur Kommunikation

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Wir erleben es tagtäglich, als Zuseher, als Betroffene, als Beteiligte: Gespräche werden geführt, es wird argumentiert, gerungen, gestritten, mit viel Einsatz und Kraft wird versucht zu überzeugen, den bzw. die andern zur Einsicht zu bringen. Wir erleben es auf politischer Ebene, in Unternehmen, am Arbeitsplatz, in privaten Beziehungen, überall. Der Erfolg solcher Gespräche ist oft sehr zweifelhaft und häufig sind danach die Fronten noch mehr verhärtet und wir fühlen uns noch weniger verstanden als zuvor.

Die Grundeinstellung des „Überzeugen Wollens“ in so vielen wirklich wichtigen Gesprächen und das oft enttäuschende Ergebnis aufgrund des Unverständnisses der anderen wurde wunderbar von Erich Kästner ausgedrückt: „Alle Menschen sind schlecht, sie denken nur an sich, nur ich denk an mich!“

Der Physiker David Bohm (1917 – 1992) hat sich in seiner letzten Schaffensperiode intensiv mit dem Dialog beschäftigt. Die Erkenntnisse der modernen Naturwissenschaften stellen unser Weltbild in vielen Aspekten radikal in Frage. Unsere Konzeption von Realität und damit auch unsere persönlichen „Wirklichkeiten“, Wahrheiten und Überzeugungen werden immer fragwürdiger. Daneben steht die Erkenntnis der modernen Physik, dass unsere Vorstellungen von getrennten Einheiten in unserer Welt nicht weiter aufrecht zu erhalten ist und dass wir im Gegensatz dazu davon ausgehen müssen, dass alles mit allem in Verbindung steht und sich permanent gegenseitig beeinflusst, – ein Wissen, das den Menschen in alten religiösen Traditionen immer schon vermittelt wurde.

David Bohm überträgt diese Erkenntnisse auf die Kommunikationsformen in unserem Alltag. Er unterscheidet dabei zwischen Diskussion und Dialog. Während es in einer Diskussion (lateinisch von discutere= zerschlagen, zerteilen, zerlegen) darum geht, die Ganzheit auseinander zu nehmen, hat Dialog (griechisch von Dia=durch, Logos=Wort) für Bohm die Bedeutung eines „freien Sinnflusses, der unter uns, durch uns hindurch und zwischen uns fließt“. Es geht im Dialog also um Partizipation, um Teilhaben, sich beteiligen, miteinander denken.

Laut Bohm ist es unser Denken, das die Welt zerteilt und das, was ursprünglich ganz war, zerstückelt und fragmentiert. Wir meinen, dass unser Denken Dinge und Erfahrungen so beschreibt, wie sie sind und wir es daher mit objektiven äußeren Realitäten zu tun haben, die unabhängig von uns und unserem Wahrnehmen und Denken existieren. Das ist nach Bohm ein folgenschwerer Irrtum. Wir erschaffen unsere Realität durch unser Denken, wir konstruieren sie fortwährend. Und sagen dann wir hätten gar nichts getan. Wir würden nur die ‚äußere objektive Realität‘ wahrnehmen und beschreiben. Und weil die äußere objektive Realität eben eine objektive Realität ist, gelte sie auch für alle anderen. Und damit verstricken wir uns wieder einmal in unergiebigen Diskussionen, die die meisten Beteiligten frustriert zurücklassen.

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Grundlage für den Dialog

Die Fähigkeit zu dialogischem Denken und Kommunizieren ist offenbar nicht in unserer menschlichen Grundstruktur angelegt sondern muss erlernt und geübt werden. Voraussetzung für einen solchen Lernprozess ist die Erkenntnis, dass wir unsere Wirklichkeit aufgrund mentaler Modelle konstruieren. Diese inneren mentalen Modelle steuern unser Handeln, und wir interpretieren und verstehen Wahrgenommenes mit Hilfe dieser mentalen Modelle.

Ein Aspekt solcher mentaler Modelle ist das, was man in der Psychologie als „Charakterstrukturen“ bezeichnet. Menschen entwickeln im Lauf ihres Lebens ganz unterschiedliche Entwürfe über sich selber, über die Welt und über die wichtigen Themen des Lebens. Die Erfahrungswelten sind so verschieden, dass wir von unterschiedlichen „Landkarten“ sprechen, nach denen sich Menschen orientieren.

Das heißt, dass wir nicht einmal in unseren intimsten Beziehungen davon ausgehen können, dass wir uns einfach verstehen. Es ist auch in nahen Beziehungen wichtig und notwendig, immer wieder zu fragen, wie das Gegenüber etwas erlebt und versteht. Denn wir wissen in der Regel nichts von diesen unterschiedlichen Landkarten und gehen im Kontakt davon aus, dass alle anderen nach der gleichen Karte leben wie wir selber und deshalb die Welt gleich verstehen.

Einen Teil dieser Charakterstrukturen erkennen wir tagtäglich an uns selbst und anderen als Muster und Blockaden: Persönliche Verhaltensweisen, Schwächen, Ticks, die wir schwer verändern können, aber auch individuelle Talente, die unsere Persönlichkeit ausmachen.

Voraussetzungen für den Dialog

Für einen Dialog als Gesprächsform gibt es einige wichtige Voraussetzungen und Grundhaltungen.

Lernhaltung

Wenn wir als Wissende auftreten, ist es sehr schwer, offen für neue Erfahrungen zu sein, uns auf etwas Neues einzulassen. Wenn wir mit Neugierde und Lernbereitschaft andere Meinungen hören, haben wir die Chance, neue Erkenntnisse zu erlangen.

Respekt

Wenn wir versuchen, die unterschiedliche Art der anderen Person als legitim anzuerkennen, schaffen wir eine wichtige Voraussetzung, um wirklich zu hören und gehört zu werden.

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Offenheit

Wenn wir offen sind für neue Ideen, für andere Perspektiven, bereit, eigene Annahmen in Frage zu stellen, entsteht dieser offene Raum, den wir für den Dialog benötigen.

„Sprich von Herzen“

Es ist hilfreich für den Dialog, wenn wir von dem sprechen, was uns wirklich bewegt. Also keine intellektuellen Höhenflüge, abstrakten Abhandlungen, aber auch keine Selbstdarstellungen, indem wir reden, um zu zeigen, wie toll oder kompetent wir sind. Vielmehr geht es darum sich „mit zu teilen“, also mit den anderen Sichtweisen – mögen sie noch so unterschiedlich sein – zu teilen.

Die Kunst des Dialoges - Kreative Kommunikation entdecken: Erfahrungen, Anwendungen, Übungen
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Die Kunst des Dialoges - Kreative Kommunikation entdecken: Erfahrungen, Anwendungen, Übungen
  • Johannes F. Hartkemeyer, Martina Hartkemeyer
  • Herausgeber: Klett-Cotta
  • Auflage Nr. 1 (01.08.2005)
  • Gebundene Ausgabe: 467 Seiten

Aktives Zuhören

Wenn wir anderen wirklich zuhören wollen, dann müssen wir zuerst einmal lernen, uns selbst zu beobachten und uns selbst zuzuhören, das heißt zu reflektieren: Welche inneren Bewegungen, Gedanken und vielleicht Bewertungen entstehen in mir, wenn ich jemandem zuhöre? Schon während jemand spricht, fangen wir häufig an, innerlich zu argumentieren, eine Entgegnung vorzubereiten, zuzustimmen oder abzulehnen, zu bewerten. Nur zuhören tun wir nicht. Erst wenn ich diese inneren Bewegungen wahrnehmen kann, ist es mir möglich, meine inneren Bewegungen etwas beiseite zu stellen, um das, was ich höre, wirklich bei mir ankommen zu lassen. Das ist dann wirkliches Zuhören, nämlich dem anderen statt mir selber.

Verlangsamung

Um uns in dieser Art selber beobachten zu können, ist es hilfreich, den Prozess zu verlangsamen. Dann können wir wahrnehmen, was die Aussage einer anderen Person in uns wirklich auslöst. Im Dialog wird manchmal ein „Talking Stick“ benutzt, um den Redefluss zu verlangsamen. Die Regel ist dann, dass immer nur die Person spricht, die den „Talking Stick“ in den Händen hält.

Suspendieren

Wenn wir uns im Dialog-Prozess selber zuhören, kommen wir in Kontakt zu unseren Annahmen, Glaubenssätzen und Interpretationen über das Leben und die Welt. Wir können diese Annahmen oder Bewertungen sichtbar machen, aber wir halten sie „in der Schwebe“ und lassen uns weiter auf das ein, was da gesagt wird.

Erkunden

Wenn wir im Dialog nicht schon alles wissen, sondern in einer Haltung von Neugierde, Achtsamkeit und Bescheidenheit Fragen stellen, die uns wirklich berühren, unterstützen wir das gemeinsame Erkunden der ganzen Gruppe.

Das Denken beobachten

Wir können im Dialog lernen, dass es manchmal wichtiger ist, den Prozess zu beobachten, statt sich auf die Inhalte zu konzentrieren. Vor allem, wenn es um die inneren Bewegungen in mir selber geht, um meine inneren Urteile, automatischen Reflexe, Reaktionen und Impulse, um meine Gefühle, Haltungen, Wertungen, die auf äußere Reize automatisch in mir ablaufen. Wenn wir lernen, unsere Wahrnehmungen und unsere inneren Bewertungen zu unterscheiden, sind wir schon einen großen Schritt weiter. Dann können wir etwas mehr inneren Raum gewinnen, um weniger automatisch aus diesen inneren Bewegungen heraus zu agieren. Es ist dann möglich, von den persönlichen Programmierungen unabhängiger zu werden, aber auch von den kollektiven Annahmen, die uns als Gruppe oder Gesellschaft verbinden. Und es wird möglich, das Denken kreativer zu nutzen.

Der Dialog in der Praxis

Der Dialog als Kommunikationsmethode kann ein äußerst hilfreiches Werkzeug der Gesprächsführung in allen Situationen sein, in denen die Ergebnisse große Bedeutung haben, in denen es wirklich „um etwas geht“.

Ich habe solche Dialogprozesse mit verschiedenen Gruppen durchgeführt, in Klausuren, Workshops, Mediationen, Beratungsprozessen. Dabei war ich immer wieder – so wie auch die Teilnehmer an solchen Dialogen – beeindruckt von der entstehenden Stimmung der Achtsamkeit, Konzentriertheit und Bereitschaft gemeinsam zu verstehen und eigene Fixierungen aufzulösen. Die Ergebnisse waren immer wieder ein Durchbruch, wie das Überschreiten einer Schwelle, die bis dahin von den Beteiligten als unüberwindbar gesehen wurde.

In der Praxis läuft ein solcher Dialog nach klaren Regeln ab. Zunächst wird das Thema erarbeitet und visualisiert. Danach erfolgt die Festlegung des Zeitrahmens. Der Moderator erläutert die Grundhaltungen des Dialogs und fordert die Teilnehmer auf, sich wirklich darauf einzulassen. Diese Grundhaltungen werden ebenfalls deutlich visualisiert.

Im Verlauf des Dialogs achtet der Moderator auf die Einhaltung der Spielregeln. Das betrifft vor allem die Verwendung des „Talking Sticks“. Idealerweise liegt dieser in der Mitte des Gesprächskreises auf dem Boden. Wer immer sprechen will muss aufstehen, den Stick holen, zurück auf seinen Platz gehen, sprechen, aufstehen und in die Mitte gehen, den Stick ablegen, zurückgehen und sich wieder setzen. Erst danach darf der Nächste aufstehen.

Diese Spielregel erregt am Anfang Widerstand. Die Teilnehmer versuchen den Prozess zu beschleunigen indem sie den Stick einfach weitergeben oder einander zuwerfen. Hier achtet der Moderator sehr rigide auf die Einhaltung der Regel, denn gerade die Verlangsamung des Prozesses ist von zentraler Bedeutung. Allmählich lässt der Widerstand nach und bald bemerken selbst die widerständigsten Teilnehmer die Veränderung in der Atmosphäre des Zuhörens, sich Einlassens, des Respekts für andere und deren Sichtweisen und dann kann es vorkommen, dass jemand eine Aussage macht und alle lassen diese noch für eine Weile nachwirken, sie überdenkend, überlegend, „beherzigend“. Erst dann ergreifen wieder Andere das Wort.

Fast alle, die in einem solchen Dialogprozess an der Bearbeitung wichtiger Fragestellungen teilnehmen durften, sind beeindruckt von den Möglichkeiten, die eine solch grundsätzlich andere Gesprächshaltung eröffnet.
Versuchen sie es einmal selbst, ob im kleinen Kreis als Experiment oder in einem größeren Kontext mit moderierender Unterstützung – wenn sich alle Beteiligten wirklich auf einen DIA-LOGOS einlassen, kann in beeindruckender Weise Neues entstehen.

Literaturhinweise

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